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*** Ein Tag im Leben von Superwomen ***

Es war einer dieser Tage. Sie wusste es schon beim Aufwachen. Die leichte Anspannung, dieses Flattern im Bizeps, wie immer wenn der letzte Auftrag ein wenig länger zurücklag. Diese Untätigkeit legte sich wie Schmirgelpapier auf jede einzelne ihrer Nerven. Wenn nicht bald etwas passierte, würde etwas passieren. Soviel war sicher. Wo waren, verdammt nochmal, die Probleme dieser Welt geblieben? Sie schüttelte das Unwohlsein mit einem Zucken der Schultern ab. 

Also würde es ersteinmal Frühstück geben. Nach einem Blick auf die Uhr seufzte sie, entschied sich gegen Brandy und setzte Kaffeewasser auf. Im Vorbeigehen stupste sie den auf der Küchenarbeitsplatte liegenden, als Fittnessarmband getarnten Notfallmelder an. Er rührte sich nicht. Ein erneuter Blick zur Uhr und sie füllte Kaffeepulver in die Tasse.

Dann würde sie eben ersteinmal durch die Post gehen. Verächtlich schob sie Strom- und Gasrechnung beiseite. Da rettete man wiederholt die Welt vor Bösewichtern und dem Untergang und wird trotzdem mit solchen Banalitäten belästigt. Früher hatte sich ja immer Jonathan darum gekümmert. Aber dem war sie auf einmal zu neurotisch, reagierte zu impulsiv, war nicht zu durchschauen.
Blödmann.
Egal.
Sie ignorierte das Zucken in ihrem linken Augenlid, stöberte weiter in der Post und griff nach einem rosafarbenen Umschlag. Rosa! Wer benutzt den heutzutage noch rosafarbene Umschläge? Neugierig wendete sie den Umschlag um den Absender zu lesen. Kein Absender – kopfschüttelnd öffnete sie den Brief – zog scharf geräuschvoll die Luft ein und vergaß das Ausatmen. 
Laurie!
Laurie, dieses Miststück, kündigte Ihre Hochzeit an. Kündigte diese nicht nur an sondern lud sie auch noch ein. Zu ihrer Hochzeit mit Jonathan. 
Eine kleine Welle Wut über diese Arroganz schwappte über ihr zusammen, kochte in ihren Ohren. Sie zwang sich langsam und konzentriert auszuatmen. Langsam und ruhig. Langsam und ruhig. Und noch einmal. Langsam und ruhig. Das Rot aus ihrem Augenwinkel verschwand. 

Mit einem leisen Fluch auf die Konventionen ignorierte sie die Uhrzeit und goss sich einen Brandy ein. Einen doppelten. Egal. 

Was sollte sie tun? Vernünftig sein? Freundlich? Tolerant? Vergebend? Oder zornig? Frustriert? Rächend?
Sie goss sich noch einen Kaffee ein, der Appetit auf Frühstück war ihr vergangen. Ach was, sagte sie sich, sie würde hingehen, schon allein aus Trotz. Und sie würde sich amüsieren. Schon allein deswegen, weil niemand damit rechnete, dass sie tatsächlich kommen würde. Ein Gedanke blitzte auf und brachte sie zum Lächeln. Sie nahm die Einladungskarte in die Hand und wusste, es gab nur eine Chance. Ihr Kleid musste rosa sein. Rosafarben wie diese Einladungskarte. 
Leider beherbergte ihr Kleiderschrank kein rosafarbenes Kleid. Wohl oder übel musste sie eines kaufen. Kurz checkte sie ihr verbleibendes Budget für diesen Monat. Es war eine verdammte Schande, mit wie wenig Geld sie im Monat auskommen musste. Aber langsam wurde der Superheldenmarkt unübersichtlich. Man musste schon wirklich gut sein, um noch aufzufallen und positive Publicity zu bekommen. Die wirklich guten Aufträge gingen leider immer wieder an die Männer.
Jedenfalls würde der Kleiderkauf sie ein wenig ablenken. Und so lange ihr Notfallmelder sich nicht rührte war es sogar halbwegs sinnvoll verbrachte Zeit. 
Aber eigentlich hasste sie Kaufhäuser. Hasste den Tand, die Verblendung, die Verschwendung, die uneinlösbaren Versprechungen, das freundliche Lächeln der Verkäuferinnen. Oh wie inbrünstig hasste sie dieses unsagbar freundlich verständnisvolle wie in Stein gemeißelte Kundenlächeln der Verkäuferinnen, welches sich schon im Wegdrehen verflüchtigte. 
Sie ignorierte das Flattern in den Oberarmen, die leicht pochende Anspannung hinter ihren Augen und bat eine dieser freundlichen (ha!) Verkäuferinnen um ein ärmelloses Kleid in rosa und in L. Oder M. M könnte auch gehen. Nur den Optimismus nicht verlieren. 
Die Verkäuferin beäugte sie einmal von oben bis unten und fragte ‚L?‘

Ja bitte, antwortete sie. L! Was glaubte die denn, wie soll man denn bitte Kinder, Frauen und sogar Männer aus brennenden Hochhäusern oder von sinkenden Schiffen retten, ohne Muskeln zu haben? Ohne Kraft? Ohne kräftigen Körperbau? 
Im Weggehen nuschelte die Verkäuferin irgendetwas von ‚mehrere Größen‘ und irgendwas mit ‚X‘. 
Das Pulsieren hinter ihren Augen nahm zu aber sie zwang sich zur Ruhe. Sie konnte das schaffen. 
Die Verkäuferin brachte ihr ein rosafarbenes, ärmelloses Spitzenkleid. Allerdings in XL und murmelte irgendetwas von ‚unterschiedlich ausfallen‘ und lächelte sie freundlich an.
Schnell zog sie den Vorhang zu und begutachtete das Kleid misstrauisch. Ohje. Aber na gut, sie konnte es ja wenigstens mal versuchen.
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Hinterher konnte sich Superwomen gar nicht erklären was genau eigentlich passiert war. Sie erinnerte sich nur an diese Wut, diese unglaubliche Wut über dieses rosa Trägerkleidchen in XXXS welches nicht über ihre muskolösen Oberschenkel passen wollte. Dieser Zorn, dieser in den Ohren tosende Zorn. Und dann brachte die Verkäuferin auch noch Glitzersandalen . . . 

Foto: Hele via Prinzessinenreporter