*** WMDEDGT 2017-11-05 ***

Es ist Sonntag. Du darfst ein wenig länger schlafen als unter der Woche. Heute tatsächlich nur ein wenig, denn heute reist der große Sohn wieder ab und er muss rechtzeitig zum Zug gefahren werden. Deshalb habt ihr euch gestern schon zum Wecken um 07:30 Uhr verabredet.

Als Du 07:15 Uhr im Bad stehst, hörst du ihn schon und wunderst dich. Jedenfalls kannst du ihm ja auch jetzt schon einen guten Morgen wünschen, auch wenn es draußen grau und trübe ist und der November seinem Namen alle Ehre macht. Du gehst in sein Zimmer und siehst, dass auch hier alles nicht so toll ist, wie es sein soll und er bestätigt dir seine Kopfschmerzen.

Mist. Hoffentlich ist es noch nicht zu spät. Du verabreichst ihm eine Kopfschmerztablette und versprichst in einer halben Stunde wiederzukommen. Du hast ein ungutes Gefühl.

Dann kochst du dir wenigstens erst einmal einen Kaffee. Denkst du. Aber es ist keine Milch da und dir fällt ein, dass gestern eigentlich Milch holen angesagt war. Und leider vergessen worden ist. Also kochst du keinen Kaffee und fährst stattdessen Milch holen. Auf dem Weg zum Auto winkst du dem Hausherren, der gerade die Federviecher füttert.

Nach dem Milch holen kontrollierst du den Sohn und stellst fest, dass es nicht besser geworden ist. Du verpasst ihm eine zweite Tablette und erst hinterher bekommst du mit, dass er bereits einmal erbrochen hat. Na dann war die zweite Tablette ja komplett sinnlos. Du weißt, dass die ebenso postwendend wieder herauskommen wird. Das Ganze hat nur ein Positives – dann greifen die Tabletten wenigstens nicht seinen Magen so sehr an, wenn er sie eh‘ gleich wieder herausbringt. Also muss er ein Zäpfchen nehmen. Du stellst ihm einen Eimer ans Bett. Die Regentropfen trommeln ans Fenster.

Dann bekommst du endlich deinen Kaffee und es gibt Frühstück. Ein sehr leises, stilles Frühstück, immer mit einem Ohr zum Zimmer des Sohnes. Das klingt nicht gut. Das wird heute wohl nix mit der Zugfahrt.

Nach dem Frühstück versorgst du die Hühner, welche frustriert und nass unter den Tannen stehen um dem Regen aus dem Weg zu gehen.

Beim Sohn beginnen endlich das Kopfschmerz- und das Übelkeitszäpfchen zu wirken. Er kommt langsam zur Ruhe und schläft sich gesund. Den Rest des Vormittags bleibt ihr einfach sitzen und trinkt weiter Tee. Nebenher stornierst Du die Fahrkarte und buchst eine neue für Montag früh.

Draußen ist es grau und regnet Tropfen um Tropfen um Tropfen gegen die Fensterscheiben. Du strickst und trinkst Tee und horchst immer mit einem Ohr zum Zimmer des Sohnes.

Zum Mittag wärmt ihr Reste auf. Unter der Woche ist genügend übriggeblieben. Ihr tut alles in einen Topf und habt eine prima Reis-Nudel-Tomaten-Gurken-Mahlzeit. Der Sohn bekommt ein Schälchen Hühnerbrühe und darf weiterschlafen.

Du sitzt im Wohnzimmer und strickst und versuchst nicht an das ewige Grau da draußen zu denken. Zum Kaffee kommt der Sohn aus seinem Zimmer. Blass noch und sehr müde. Aber er lächelt und sagt, er ist glücklich. Du fragst ihn, wie man denn um Himmelswillen in so einem Zustand glücklich sein kann? Aber er lächelt und sagt, er ist glücklich, weil er dich hat. Und da ist auf einmal der Himmel gar nicht mehr so grau und du lächelst deinen Sohn an und drückst ihn. Dann gibt es Kaffee und Kakao und Kuchen und der Sohn isst schon wieder mit und ist nicht mehr ganz so blass.

Dann unternehmt ihr zwei einen Spaziergang. Nur einen kleinen, damit der Kreislauf in Schwung kommt und ihr beide die Krankheit aus dem Kopf bekommt. Es regnet leicht, aber das ist euch egal. Ihr setzt Mützen auf und so schlimm ist es ja auch nun wieder nicht.

Wieder zu Hause angekommen gibt es ein leichtes Abendbrot, dann verschwindet der Sohn unter die Dusche und kommt anschließend zu euch ins Wohnzimmer und kuschelt sich auf der Couch in die Decken, wo ihr alle den Tag bei leichter klassischer Musik ausklingen lasst.

Du liest und strickst und denkst, was war das bloß für ein Tag. Zum Glück ist er jetzt vorbei.

Aber bei Frau Brüllen kannst Du lesen, wie andere Leute so diesen Tag verbracht haben.

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