*** stigmatisiert? ***

Nun haben wir gewählt, wir Nordlichter. Das Ergebnis ist, man kann es nicht anders nennen, tatsächlich beschämend.

Von 100 Wahlberechtigten sind im Durchschnitt 39 gar nicht erst wählen gegangen. Das klingt schlimm, aber es gibt einen Funken Hoffnung. Denn es sind mehr Leute wählen gegangen als in den Vorjahren (2006 Beteiligung 59,1% und 2011 Beteiligung 51,1% [Quelle]) Natürlich kann es sein, dass die AfD derartigen Zuwachs generiert hat. Aber vielleicht ist es auch möglich, dass die Prognosen vor der Wahl, welche dieses Ergebnis bereits andeuteten, mehr Leute aktiviert haben, ihre Stimme doch einer anderen Partei zu geben, damit eben diese nicht der AfD zu Gute kommt. Das ist aber etwas, was man so aus den Statistiken nicht herauslesen kann. Wichtig ist, dass mehr Leute wählen gegangen sind. Mehr Leute wollten sich beteiligen und etwas erreichen.

Die Prognosen vor der Wahl zeigten bereits die Tendenz, welche sich im Wahlergebnis manifestiert hat. 20 von 100 Wählern haben durchschnittlich die AfD gewählt.

Man kann jetzt auf dieses Land mit dem Finger zeigen und sagen, da sind alle doof und da fahren wir nicht wieder hin. Kann man, muss man aber nicht.

Ich möchte nämlich darauf hinweisen, dass von 100 Wählenden 79 eben eine andere Partei und gerade NICHT die AfD gewählt haben. Dass heisst, wer jetzt sagt, Mecklenburg-Vorpommern ist doof, verurteilt nicht nur diese 79 von 100 Wählern, sondern pauschal ein ganzes Land.

Mit welchem Recht?

Schauen wir einmal genauer hin. Was wir hier haben, ist (nennen wir es positiv) hauptsächlich unsere schöne, im Großen und Ganzen unberührte, saubere Natur, unsere geringe Bevölkerungsdichte. Wir dürfen wohnen, wo andere Urlaub machen. Wenn man aber genauer hinschaut, könnte man (etwas weniger nett) sagen, ein strukturschwaches Land ohne nennenswerte Industrie. Ja, das stimmt. Denn was hier nach der Wende an vorhandener Industrie eingestampft wurde und durch die Produktion im westlichen Bundesländern übernommen wurde, führte nicht nur dazu, dass hier wenig Industrie angesiedelt ist. Es führte auch dazu, dass viele kluge, junge Leute unser Bundesland verlassen haben um in anderen südlicheren, westlicheren Bundesländern nicht nur mehr sondern überhaupt Geld zu verdienen.

Aber dieses soll kein Jammerbeitrag werden. Ich will nur zeigen, dass alles, was in diesem Bundesland und in dieser gesamten Bundesrepublik passiert, ein Prozess ist. Ein schleichender immerhin, aber ein Prozess. Es ist nicht so, dass Mecklenburg-Vorpommern das erste Bundesland ist, in welchem völlig überraschend ein großer Anteil der Bevölkerung die AfD gewählt hat. 2014 bekam diese Partei erste Stimmen in Brandenburg und in Sachsen, 2015 sogar (wenn auch nicht so viele) Stimmen in Bremen und Hamburg, dann mit steigender Tendenz 2016 sogar in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt [Quelle]. Und auch für die Berliner Wahlen gibt es eine Prognose von ca. 15%. [Quelle] Es passiert also überall!

Dass der Wahlerfolg nun aber in MV so deutlich hoch war, liegt m.E. genau daran, dass wir hier ein strukturschwaches Land mit geringen Einkommen und nach Sachsen-Anhalt das Land mit der höchsten Arbeitslosenquote sind. Und deutlich wird auch beim Vergleich der Wahlstatistik mit der Arbeitslosenstatistik, dass in den Landkreisen mit höherer Arbeitslosigkeit vermehrt AfD gewählt wurde. Wenn man nämlich nicht weiß, wie man im Monat über die Runden kommen soll, weil es einem nicht möglich ist mit eigener Arbeit genügend Geld zu verdienen, dann kann es durchaus sein, dass man von Sätzen wie ‚Wir schaffen das!‘ durchaus not amused sondern statt dessen für die anderen Parolen empfänglich ist.

Dieses Problem AfD jetzt also auf Mecklenburg-Vorpommern zu reduzieren, ist genauso pauschalierend wie die allgemein gehaltenen Hetzparolen der AfD. Denn dabei vergisst man, dass ein zum Glück immer noch überwiegender Anteil der Bevölkerung eben nicht für die AfD ist. Man missachtet dabei alle, die hier in diesem Land bleiben und mit ihrer Arbeit für dieses Land kämpfen. Man missachtet diejenigen, welche sich in diesem Urlaubsland für die Urlauber hier krumm machen. Und man missachtet dabei diejenigen, die es geschafft haben, dass die AfD nur 20% der Stimmen bekommen hat.

Die Wähler der AfD werden jetzt jedenfalls sehen, dass sich nichts ändern wird. Denn als Oppositionspartei kann die AfD nichts weiter tun als blockieren. Das ist sehr schade aber vielleicht auch sehr lehrreich. Es werden jetzt ziemlich sicher 5 sehr schwierige Jahre für die Politik und die Bevölkerung in diesem Land, aber wir werden sie überstehen.

Und ich bin mir ziemlich sicher, dass sich das Problem AfD in Mecklenburg-Vorpommern dann relativiert hat. Schließlich haben wir mit dieser Landtagswahl auch endlich wieder die NPD aus dem Landtag gewählt.

Natürlich kann man trotzdem noch von unserem Land sagen, dass hier alle doof sind und dass man hier jetzt keinen Urlaub mehr machen wird. Aber damit wird man nicht automatisch zu einem besseren Menschen. Man ist einfach nur jemand, der pauschal veurteilt. Und man nimmt uns dadurch einfach nur die Chance und die Kraft durchzuhalten.

Aber so leicht geben wir hier nicht auf. Wir schaffen das.

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