*** Kleid, das ***

Und noch einmal für den Wortmischer:

Sorgfältig strich die Mutter eine letzte Falte aus Gretchens Kleid. Ihre Tochter sah so wunderschön darin aus. Und sie sah so glücklich darin aus. Lachend drehte sich Gretchen um und um und ließ so das Kleid weit schwingen.

Gleich würde Hans kommen und sie zu einem Sonntagsausflug einladen. Der würde Augen machen, wie wunderbar sie aussah.

Mutter überlegte kurz, ob sie Gretchen Ermahnungen mitgeben sollte hinsichtlich jungen Männern im Allgemeinen und im Besonderen. Aber sie verzichtete darauf. Gretchen war verständig und wüsste schon, was richtig und was eben nicht richtig wäre.

Also ließ sie Gretchen zu Hans ins Auto steigen, wünschte den beiden einen schönen Nachmittag und winkte ihnen hinterher.

Trotz alledem nagte den gesamten Nachmittag eine leichte innere Unruhe in ihr, die sich erst legte, als Gretchen wie versprochen pünktlich zum Abendessen vor der Tür stand. Ein strahlend schönes, glückliches junges Mädchen. Mutter schimpfte sich ob ihres Misstrauens und bat Gretchen in die Küche zum Geschirr auftragen.

Aber, leuchteten die Augen nicht ein wenig zu sehr? Waren die Wangen nicht ein wenig zu rosig?

Unauffällig taxierte Mutter Gretchens Kleid, während diese mit dem Abendbrotgeschirr vor ihr ging. Aber das Kleid war so falten- und fleckenlos wie frisch gekauft. Mutter verscheuchte ihre beschämenden Gedanken und sie genossen ein fröhliches Abendessen. Ein Nachmittag an frischer Luft macht schließlich Appetit.

Ein paar Tage später, Gretchen war in der Schule, war Mutter dabei die Wäsche zu sortieren. Wäschetage waren nicht ihre Lieblingstage. Aber Wäsche musste nun mal gemacht werden. Sorgfältig trennte sie Ober- von Unterwäsche, heller von dunkler Kleidung. Dann kam ihr wieder das Kleid in die Hände. Sie konnte es sich nicht untersagen, dieses einer genaueren Inspektion zu unterziehen. Aber es war alles in Ordnung. Keine merkwürdigen Falten. Keine Grasflecken. Beruhigt sortierte sie weiter.

Dann fiel ihr Blick plötzlich auf etwas Grünes.

Aber das war doch Gretchens Unterwäsche!

Sie schaute genau hin. Aber das waren ja tatsächlich Grasflecken. In Gretchens Unterhose.

Mutter legte ihre Stirn in Falten. Sie würden reden müssen.

Abends als Gretchen nach dem Abendessen in der Küche half, fragte Mutter wie zufällig nach dem Kleid. Und was denn der Hans zu diesem wunderschönen Kleid gesagt hätte. Ob es ihm gefallen hätte?

Gretchen zögerte kurz vor der Antwort während sie überlegt. Dann presste sie nachdenklich die Lippen aufeinander und sagte: ‚Jetzt, wo du fragst – Ich befürchte, es hat ihm tatsächlich nicht gefallen. Er hat es mir gleich ausgezogen.‘

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10 Antworten zu “*** Kleid, das ***

  1. Pingback: Kleider machen Leute – von A bis Z | Wortmischer

  2. Da werden Mamas Augen nicht mehr geleuchtet haben, befürchte ich. Andererseits aber sollte sie froh darüber sein, dass Grasflecken auf dem Höschen vorhanden waren. Bedeutet dies doch, dass sich das Höschen noch an Gretchen befand und nicht etwa wie das Kleidchen berits entfernt worden wäre. – Positiv denken, sag ich immer.

    (Und herzlichen Dank für diese wunderbare Geschichte, für die ich auch gerne zwei oder drei Gefällt-mir-Sterne vergeben würde, was aber nicht geht, weil ja zwei Sterne wieder gar keiner sind und der dritte eben doch nur einer.)

    • Frau Spätlese

      Ich habe zu danken für die wunderbare Anregung zu diesen Geschichten.
      (Natürlich wäre selbstverständlich Gretchens vollständige Aussage zu dem Thema interessant – aber sie redet nicht . . .)
      Und vielen Dank für die Sterne! *knickstbrav*

  3. Entzückend. Es sollte uns zu denken geben. Wir geben so viel Geld für Kleider, Strumofhosen und Unterwäsche aus und die Männer wollen nur, dass wir sie wieder ausziehen. Na, bei Frauen in meinem Alter wollen das nicht mehr so viele Männer, da ist das Geld gut angelegt.

    • Also so kann das aber nicht stehen bleiben. Denn das Alter hat ja mit dem angeprangerten Männerwunsch am wenigsten zu tun. Da geht es doch viel mehr um den Auftritt, das Lächeln, den Humor und die Ausstrahlung einer Frau. Und um ihre Flirtbereitschaft.
      So sieht das nämlich aus. Ich finde, das musste mal geschrieben werden.

      • Frau Spätlese

        Sehr geehrter Herr Wortmischer, es freut mich außerordentlich, dass Sie die Ehre der Männer retten wollen. Ich hege auch immer noch die Hoffnung, dass es u,m Auftritt, Lächeln und Humor und die Ausstrahlung einer Frau geht. Und bestimmt schaffen es die Männer auch irgendwann, sich darauf zu konzentrieren. Vielleicht ebenfalls mit zunehmendem Alter. 😀

      • Na hören Sie mal Frau Spätlese! Die Quote der Männer, die sich durch einen mühseligen Anbahnungsflirt mit einer Marilyn Monroe quälen, die den IQ eines Pommes besitzt, danach in einer einsilbigen oder gar stummen Knutschphase dümpeln wie ein Champagnerkorken im Brackwassertümpel, um zuletzt mit einer super aussehenden aber doofen Tussi, die zum Lachen in den Keller geht, auf dem Laken zum Finish zu kommen, … was wollte ich sagen? Ach ja … die Quote solcher Männer dürfte doch wohl sehr gering sein.
        Warum sollte ich mich quälen, statt mich mit einer Frau zu amüsieren, die Gleiches mit Gleichem vergelten kann und mit der man(n) schlicht eine schöne Zeit haben kann. Da müsst ich schon schön doof sein. (Binnich abba nich, hehehe :-))

      • Frau Spätlese

        Weil ich mich wirklich aufrichtig über Ihren Kommentar gefreut habe (IQ einer Pommes!) habe ich einfach mal Ihre Autokorrektur korrigiert. Jetzt ist der Text so schön wie er sein muss.
        Ich lese den gleich noch einmal und nocheinmal.
        *notiertdenHerrnWortmischeralsehrenhaftenMann*

      • Ehrenhaft? Vielen Dank. Auch wenn das in erster Linie reine Vergnügungssucht ist 😉

    • Frau Spätlese

      Danke schön für dieses erneute Lob! Ja – die Kleiderproblematik hat schon ganze Generationen von Frauen beschäftigt. (Und auch wenn der Herr Wortmischer so vehement widersprochen hat – es beruhigt sich tatsächlich mit zunehmendem Alter der Frau!)
      😉