*** Dem Inscheniör ist nix zu schwör ***

Ich bin (nur für den Fall, dass Sie das noch nicht wussten), ich bin also schlau. Ich habe ein Studium an einer Universität absolviert und darf mich mit Fug und Recht ‚Dipl.-Ing.‘ nennen. Und, wahrscheinlich haben Sie den Spruch alle schon einmal irgendwie mal gehört, einem Ingenieur ist nichts zu schwer und außerdem weiß dieser sowieso immer wo das steht, was er wissen muss.

Da ich also Ingenieur bin, setze ich auch bei mir ein Mindestmaß an Intelligenz und technischem Verständnis voraus. Sie können mir glauben – ich bin quasi der weibliche Bob der Baumeister. Jo – wir schaffen das! Ich fühle mich deshalb natürlich auch immer auf der sichereren Seite, wenn ich dem Hausherren anbiete, dass bei Bedarf auch ich ruhig mal einen Nagel in die Wand schlagen darf. Und nicht immer nur er. Das wird zwar von ihm immer dankend abgelehnt, weil er, wie er sagt, gern noch ein bisschen länger in diesem Häuschen wohnen möchte. Aber das ist eine andere Geschichte und ich schweife ab.

Zurück zu mir und meinem  technischen Verständnis. Es entwickelte sich vor langer Zeit so, dass bei uns im Bad auf meinen Wunsch hin dunkelgrüne Alu-Jalousien angebracht wurden. Es musste unbedingt unser Lieblingsgrün sein, weil es besser zur Badausstattung passte und eben unser Lieblingsgrün war. Allerdings hatte diese lieblingsdunkelgrüne Alujalousie den Nachteil, dass diese das Bad doch mächtig verdunkelte. Öffnen war auch nicht wirklich gewünscht, denn dann war es mit der Diskretion vorbei. Sie verstehen, was ich meine. Also war es dunkel im Bad. Sehr dunkel.

  
Bis mir das Schwesterherz ihre neuen tollen Plissees zeigte. Wunderbar freundlich und hell und bedienungsfreundlich – hoch und runter – und toll. Mein Entschluss war schnell gefasst. Ich wollte helle, freundliche Plissees für ein helles, freundliches Bad. Gesagt, getan. Zollstock in die Hand, das Angebot des Hausherren, ob er ausmessen soll, freundlich abgewinkt. Ich bin schließlich Ingenieur. Ein bisschen mehr Respekt den Fähigkeiten der Frau gegenüber, bitte. Der Bestellvorgang im Netz war auch super leicht und bedienerfreundlich und wenige Tage später hielt ich das gewünschte Plissee in der Hand. Da ich schließlich studiert habe, nahm ich mir das Teil, trug es hoch in’s Bad und packte es vorfreudig, vorsichtig aus.

Und hielt es an das Fenster.

Wtf.

Und hielt es noch mal ans Fenster.

Hey – die haben mir ein falsches Plissee geschickt! Völlig entrüstet stürmte ich ins Büro um auf dem Bestellzettel nachzulesen.

Blöderweise standen auf meinem Bestellzettel genau die Maße, welche auch auf der Rechnung standen und welche auch ganz offensichtlich dem gelieferten Teil passten.

Moooment. Das kann doch nicht sein! Ich erinnere mich ganz, ganz, ganz genau, dass ich sogar das Fenster GEÖFFNET habe, um den Zollstock besser anhalten zu können. WAS habe ich bitte GETAN? Der Hausherr gesellte sich zu mir und wir grübelten gemeinsam.

Hmmm.

Später saßen wir (ich deprimiert und der Hausherr belustigt) beim Kaffee und rätselten. Und rätselten. Und rätselten.

Wie blöd muss man sein, ganz ehrlich, bei einem Fenstermaß von 93 cm einfach mal als Bestellmaß 107 cm anzugeben? Wie blöd . . .

*

Na, kommt Ihr drauf?

*

Ich Esel, ich! (Hier Eure individuellen Lachanfälle einfügen, bitte.)

*

Am Ende soll aber alles gut werden. Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende. Also nahm ich einen neuen Anlauf.

So einfach ist das. Ich verzichtete einfach eine Weile darauf, auf meinen Ingenieurstatus hinzuweisen, und traute mich einige Tage später doch wieder einen Zollstock in die Hand zu nehmen. Und diesmal eigentlich nur, um mich zu vergewissern, dass ich das letzte Mal doch gar nicht SO falsch gemessen hatte. Diesmal las ich die richtigen Werte ab, füllte erneut alle Bestellformulare aus und ließ wenige Tage später den Hausherren das Plissee mit den richtigen Maßen anbringen.

Jetzt habe ich zwar ein Plissee zum Preis von zweien, dafür aber ein wunderbar helles, freundliches Bad.

  
Und irgendwann darf ich auch wieder erzählen, dass ich Ingenieur und folglich schlau bin.

P.S. Sucht irgendjemand ein hellgrünes Plissee, so zufällig?

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11 Antworten zu “*** Dem Inscheniör ist nix zu schwör ***

  1. Sehr schön, das neue Fensteroutfit. Viel freundlicher.
    (Psst. Komm mal ein Stückchen näher. Dann muss ich nicht so laut sprechen…. Mal im Vertrauen, so von Ing. zu Ing. : Das mit dem Richtigrumhalten des Gliedermaßstabes musst du wohl noch ein bisschen üben. Aber ich verpetz Dich nicht bei Deinen ehemaligen Paukern. Versprochen. )

    • Frau Spätlese

      Das mit dem Üben ist überhaupt der gute Tipp! Ich geh gleich mal den Hausherren fragen, ob er was ausgemessen braucht . . . 😀 (Und vielen Dank für’s nicht Verpetzen)

  2. @Frau Spätlese: man kann auch das Sollmaß mit einem Meterstab messen, bei dem der Junior das erste Glied abgebrochen hat und an der Säge dann einen „richtigen“ Meterstab verwenden. Das kommt auch gut, hab ich selber schon probiert …
    @Frau Tonari: meistens ist es aber schon nicht schlecht, wenn man die Dinge von mehreren Seiten her betrachtet … 😉
    @beide: Hey, ho, Kolleginnen! Wer misst, misst eben auch mal Mist!

    • Frau Spätlese

      Da siehst Du mal, was ich drauf hab – mit einem verkürzten Gliedermaßstab richtig messen – da muss man natürlich schon seine grauen Zellen ein bisschen anstrengen. Aber ich, aber ICH kann sogar mit einem heilen, funktionsfähigen kompletten Mist ausmessen. (*rammtihrenKopfgegendieTischkante*)
      Aber der Spruch mit dem Mist messen, der ist toll. Danke dafür!
      😉

      • Das mit dem „richtig messen“ war ja genau mein Problem, denn ich hab nicht mitgekriegt, dass da ein Glied gefehlt hat. Und dann hatte ich nach dem Sägen eben eine Holzlatte, die war 18,5cm zu lang. Gut, konnte ich schon noch kürzen, aber ärscherlisch war’s trotzdem …

      • Frau Spätlese

        Also, mal ganz ehrlich – wenn ICH mit einem zu kurzen Gliedermaßstab etwas ausmesse, dann wird das Teil mit Sicherheit zu kurz – und nicht zu lang. Hmmm?

      • Also, bassemoluff:
        ich nehm den vom Junior bearbeiteten Meterstab (ich mag das Wort Gliedermaßstab übrigens nicht so gern, wir sind ja hier in Hohenlohe-Franken!). Der hat knapp 20cm weniger als gedacht. Mit diesem lege ich dann irgendwo an und lese mein Maß ab, sagenwirmal 100cm.
        Nun geh ich zur Säge und nehm einen guten, kompletten Meterstab und messe meinen Balken damit aus. Dann sollte der abgesägte Balken ja etwa 100cm lang werden. Aber mein echtes Maß wären ja eigentlich nur 81.5cm gewesen, weil ja mein Nullpunkt beim Ausmessen nicht gepasst hat. Und dann is das Ding erstmal zu lang.
        Zugegeben, wenn ich den Spieß rumdreh (richtig messen, falsch sägen), dann hast du wieder recht.

        Meine liebe Frau hat übrigens Interesse an dem Plissee, aber wir trauen uns nicht, zu messen. Wir haben gehört, das sei nicht so einfach … 🙂

      • Frau Spätlese

        Da hast Du ja Schwein gehabt, mit dem Vermessen!
        Warum sollt Ihr Euch das Messen nicht zutrauen? Einfach üben, üben und nochmals üben! Ich mach das doch auch. 😉

  3. Warum schickst Du es nicht zurück, weil es nicht passt? Wir haben uns, nein nicht wir, ich habe mich auch einmal vermessen 😉 und meinen Herrn Silberdistel dann mit dem Teil zurückgeschickt. Sein freundliches Lächeln hat die Dame im Möbeldingens unseres Vertrauens dazu veranlasst, das Teil anstandslos zurückzunehmen.
    Liebe Grüße von der Silberdistel