*** Experiment Inklusion – eine Abrechnung ***

Es dauert jetzt nur noch wenige Wochen und unser Sohn wird das Zeugnis in der Hand halten, mit welchem er die Schule verlässt. Dieses Zeugnis, welches ein Urteil aus 10 Zahlen fällt über unseren Sohn. Dieses Zeugnis, welches er sein Leben lang irgendwo vorlegen muss.

Denn dieses wird sein letztes Zeugnis sein und 10 Jahre Schule liegen hinter ihm, hinter uns.

Aber gehen wir ein Stück zurück.

Als unser Sohn 13 Wochen zu früh geboren wurde war er keine 40 cm groß und wog weniger als eine Tüte Mehl. Ein winziges Bündel aus Fleisch und Knochen. So sehr auch Ärzte und wir und natürlich auch er um sein Leben kämpften, es ging einiges schief. Anderes gelang. Manches mussten wir verhindern und uns mit der ganzen Kraft unserer Elternschaft gegen die Meinung der Ärzte stemmen. Aber darum soll es hier nicht gehen.

Unser Sohn hat aufgrund seiner Frühgeborenenretinopathie nun ein so geringes Restsehvermögen, dass er vor dem Gesetz als blind gilt. Bis zur Schule bekam er Frühförderung bzw. dann einen integrativen Kindergartenplatz.

Dann sollte er eingeschult werden und der Spaß begann.

Ich kann und will hier nicht auf die Einzelheiten eingehen, mit denen wir (und unser Sohn) in den letzten 10 Jahren zu kämpfen hatten, das würde hier den Rahmen sprengen. Jedenfalls wurde unser Sohn von der ersten bis zur sechsten Klasse hier am Ort integrativ beschult – davon 4 Jahre an der Grundschule und dann zwei Jahre an der Regionalen Schule in der Orientierungsstufe. Zur siebten Klasse wechselte unser Sohn auf eine Blindenschule mit Internatsunterbringung. Dort verbrachte er die letzten vier Jahre.

Um es so kurz wie möglich zu machen. Dank des Engagements der Grundschullehrer und der tollen Zusammenarbeit mit ihnen war die Grundschule ein Erfolg. Die bewilligte Beratung durch die Landesblindenschule haben wir relativ schnell abgelehnt und uns sogar ganz offiziell verbeten, denn diese verfolgte ganz offensichtlich das Ziel, den Grundschullehrern klar zu machen, dass sie es ohnehin nicht schaffen würden und dass es sogar besser wäre, das Kind direkt an der Landesblindenschule zu unterrichten. Aber wir haben es hier am Ort geschafft – so habe ich zum Beispiel während der gesamten Grundschulzeit unseres Sohnes sämtliche Hefte in der für ihn erforderlichen Linienstärke und Zeilengröße selbst ausgedruckt und für ihn gebunden.

In der 5. und 6. Klasse – der Orientierungsstufe – wurde es schwieriger. Hier konnte die Klassenstärke nicht so klein gehalten werden wie an der Grundschule und es gab (natürlich fächerbedingt) häufigere Raumwechsel. Diese stellen für einen kleinen, schmächtigen Jungen eine kaum zu überwindende Hürde da. Denn schließlich müssen neben Ranzen und Sporttasche auch Bildschirmlesegerät und Laptop getragen werden. Wie durch ein Wunder gelang es uns, eine junge freundliche Frau ausfindig zu machen, die bereit war, für unseren Sohn als Integrationshelferin zu arbeiten. D.h. sie trug die schweren Sachen von einem Raum zum anderen, saß in einigen besonders anspruchsvollen Unterrichtsstunden neben unserem Sohn uns half ihm, den Unterricht mit zu erfassen. Außerdem sprach sie sich mit den Lehrern ab, um Unterrichtsmaterialien in größerer Schrift und klar strukturierten Darstellungen zu erstellen. In diesen zwei Jahren wurde uns deutlich, dass es in den weiteren Schuljahren sehr schwer werden würde, unser Sohn integrativ zu beschulen. Fächeranzahl und Stoffvolumen würden immer mehr werden, die Klassen immer größer. Ein kaum zu bewältigendes Arbeitsvolumen um all den Unterrichtsstoff sehbehindertengerecht auf- und vorzubereiten. Ohne diese persönliche Integrationshelferin wäre eine Teilnahme am normalen Unterricht dort schon nicht mehr möglich gewesen. Denn schon während der Orientierungsstufe fiel uns auf, dass es den Lehrern schwerfiel, zwischen all den (halbwegs) selbständigen Schülern und unserem hilfebedürftigen Sohn zu differenzieren. Die Ausnahme Sehbehinderung passte nicht ins lang bewährte und eingeschliffene Unterrichtskonzept.

Deshalb gaben wir unseren Sohn mit Beginn der 7. Klasse schweren Herzens in ein Internat an eine Landesblindenschule. Unsere Hoffnung war, dass es ihm in kleineren Klassenverbünden mit Speziallehrern und von vornherein vorhandener sehbehindertengerechter Unterrichtsausstattung leichter fallen würde. Er würde nicht mehr der Sonderling sein. Er wäre gleichberechtigter.

Nun liegen auch diese vier Jahre hinter uns. Und selten habe ich mehr den Kopf geschüttelt und mich gefragt ‚wtf – geht’s noch?‘. Wenn zum Beispiel Anfang der 7. Klasse die Lehrer dort tatsächlich die Meinung vertraten, es wäre ihnen nicht zuzumuten, am Ende der Stunde zu kontrollieren, ob tatsächlich alle Schüler die Hausaufgaben in ihre Hefte notiert hätten. Dafür wäre die Belastung der Lehrer schon zu groß – den Stress könnten sie nun auch nicht noch haben. (Nur ganz kurz zur Info, zu diesem Zeitpunkt gab es in der Klasse 8 Schüler. Ich wiederhole: 8. In Worten: acht!) Ich habe selten so schlampig vorbereitete und schlecht kopierte Unterrichtsmaterialien gesehen wie in den letzten 4 Jahren dort von dieser Schule. Natürlich auch sehr gute. Natürlich gibt es nicht immer nur ein Extrem. Es gibt auch dort Lehrer, die ihre Freude an ihrer Arbeit haben und die Herausforderung behinderte Kinder zu unterrichten gern annehmen. Aber eben leider nicht nur.

Und so ist mein Fazit, nach 10 Jahren Schulbegleitung für den Kronsohn mal mit und mal ohne Inklusion: Es kann gehen, aber es muss nicht. Und ganz wichtig: es muss auch immer eine Einzelfallentscheidung von Eltern und Kindern bleiben dürfen. Solange es eine finanziell getragene Entscheidung der Schulbehörde ist – kann es nur schief gehen. Denn wenn Inklusion gewünscht ist – und wer möchte nicht sein Kind inmitten anderer Kinder am Heimatort aufwachsen sehen – dann müssen die Lehrer vor Ort aktiv unterstützt werden. Mit Geld, mit Material, mit Unterstützung und mit Beratung. Einfach ein förderbedürftiges Kind in eine Klasse mit 25 Kindern werfen und erwarten, dass der Lehrer das irgendwie schon auch noch hinbiegt, wird nicht funktionieren und geht immer zu Lasten des Kindes. Sicherlich gibt es kluge und selbstbewusste, starke Kinder, die diese Herausforderung gern annehmen und sie meistern. Aber ich persönlich glaube, dass ein großer Teil dieser Kinder zusätzlichen Schutzraum brauchen. Allein, weil sie vielleicht wegen ihrer Einschränkungen immer die schlechteren sein werden Weil sie nie gewinnen können werden. Weil sie keine Chance auf einen fairen Wettkampf haben. Und das zermürbt.

Und wenn dann diese Kinder in einem solchen Schutzraum, an einer Spezialschule sind, dann brauchen auch dort die Lehrer Geld, Material und Unterstützung – für all die zusätzliche Vorbereitung und Aufarbeitung der Unterlagen. Dann braucht es speziell ausgebildete Lehrer, die auch psychologisch mit diesen speziellen Kindern gut umgehen können und es braucht dort ganz bestimmt keine Gymnasiallehrerin, die mal eben (warum auch immer) dort gelandet ist und mit den beeinträchtigten, schwerfällig denkenden natürlich Motivationsprobleme hat. Und das ist leider keine Theorie.

Also, solange niemand bereit ist, Geld in die Hand zu nehmen, um denen die mehr Hilfe und Unterstützung brauchen auch eben dieses mehr an Unterstützung und Hilfe zu geben – solange ist Inklusion nur eine Worthülse. Eine Verschleierung der Tatsache, dass wir eigentlich nur das Geld für die Spezialschulen sparen und den zusätzlichen Aufwand den vorhandenen Lehrern aufdrücken wollen.

Inklusion? Ich glaube nicht daran.

Und was mache ich jetzt mit dem Zeugnis, welches der Kronsohn bald nach Hause bringen wird? Welches ihm schon jetzt schwer im Magen liegt?

Vielleicht schreibe ich ihm einfach ein eigenes Zeugnis. Mit lauter Sachen, die so in keinem Zeugnis stehen. Und die ihm aber trotzdem zeigen, was er für ein feiner Kerl ist.

Unser großer Sohn.

Advertisements

4 Antworten zu “*** Experiment Inklusion – eine Abrechnung ***

  1. Dein Beitrag geht zu Herzen. Man liest von Kampfesgeist, Enttäuschung, Fassungslosigkeit, von Dankbarkeit und ganz, ganz viel Mutterliebe und Stolz auf den Spross.
    Ich wünsche Euch von Herzen, dass es positiv weiter geht.

    • Frau Spätlese

      Vielen Dank für Deine lieben Wünsche. Natürlich kämpfen wir weiter. Wir können ja gar nicht anders. LG

  2. Ein interessanter Beitrag, ein fesselnder Beitrag, aber vor allem ein bewegender Beitrag. Von all dem habe ich nichts gewusst und nicht einmal geahnt.
    Es passiert selten, aber das muss ich mir heute Abend noch mal in Ruhe durchlesen.

  3. Nun habe ich diesen Beitrag wirlich noch einmal gelesen und habe es nicht bereut. Man kommt ja leicht mal in die Versuchung, auf Lehrer usw. zu schimpfen, aber gegen das, was ich hier lese, waren ja alles was man bei den eigenen Kindern und jetzt beim Enkel erlebt hat, nur Nichtigkeiten. Ich wünsche dem jungen Mann jedenfalls alles Gute, dass er das Leben meistern kann und den Eltern natürlich auch ein gutes Durchhaltevermögen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s