*** X – der besondere Tag ***

Es ist Samstag. DER Samstag. Heute ist es soweit. Nachdem alle Pflichten im Haus und auf dem Hof soweit erledigt sind, packen wir unsere Sachen.

Der Hausherr zieht noch schnell seinen Anzug zur Probe an. Das ist natürlich extrem früh, dass ihm das jetzt einfällt, denn wenn er ihm jetzt nicht mehr passt – ist eh nix mehr zu ändern. Aber alles passt. Er bittet mich ebenfalls um Anprobe. Ich schlüpfe in die Strumpfhose und in mein tolles rotes Kleid und ziehe die schicken schwarzen Peeptoes dazu an. Beim anschließenden Blick in den Spiegel verliebe ich mich spontan in mich. Und in den Hausherren auch gleich noch einmal dazu. Hach!

Anschließend nehme ich wegen leichter Befindlichkeit eine Kopfschmerztablette. In so frühem Stadium genommen, kann ich das Gröbste eigentlich abwimmeln. Anschließend: Abfahrt und ich habe die ganze Zeit das unbestimmte Gefühl, etwas Wichtiges vergessen zu haben.

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Später im Hotel sortieren wir im Saal die Platzkärtchen an die Gläser. Alles passt. Ob die Sitzordnung funktionieren wird? Die Spannung steigt. Als die ersten Gäste kommen, freuen sie sich über unser kleines bereitgestelltes Kuchenangebot. Denn schließlich ist es bis zum Abendbrot noch eine Weile hin.

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Unser Musikschaffender ist eingetroffen und beginnt engagiert und hektisch sein Equipment aufzubauen. Kurze Abstimmung zur geplanten Tanzfläche. Wir beschließen, uns jetzt schon umzuziehen, denn mit voranschreitender Zeit werden die Zeitabstände zwischen den einzeln eintrudelnden Gästen kleiner. Ich nehme eine weitere Kopfschmerztablette. Jetzt muss es aber helfen. Unabhängig davon: Ich bin die Schönste!

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Dann wird das Kuchenbüfett abgeräumt und der Sektempfang mit den Häppchen vorbereitet. Zwischenzeitlich müssen die Gäste warten, bis sie mit dem Gratulieren dran sind. Bereits eingetroffene und begrüßte Gäste begutachten die Sitzordnung. Kritische Blicke. Unser Sohn fängt noch einzelne freilaufende Gäste vor dem Hotel ein und geleitet diese zum Empfang.

Der Hausherr und ich laufen mit Sektgläsern in der Hand durch die Gästeschar, stoßen an, stellen vor, halten Smalltalk. Ich bin die Schönste!

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Unser Musikschaffender (Gitarre) beginnt mit einem kleinen plattdeutschen Musikprogramm um die Zeit bis zum Abendessen zu überbrücken. Es ist aber noch zu wenig Alkohol in den Menschen, die Begeisterung ist nicht so groß wie erhofft und angenommen. Aber er ist flexibel und wechselt die Stilrichtung. Da entspannen sich auch die Gäste wieder.

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Kurz vor dem Abendessen hält der Hausherr seine Rede an die Gäste. Er ist aufgeregt, aber das nimmt ihm keiner übel. Er weist darauf hin, dass Zwischenrufe und Zwischenfragen das ganze nur verlängern und es somit später Abendbrot geben wird. Der Lacher ist auf seiner Seite und es gibt (natürlich) pünktlich Abendessen. Ich bin so aufgeregt, dass ich gar nicht essen kann. Trinken darf ich auch nicht – ich habe ja noch etwas vor, wobei ich mich konzentrieren muss.

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Unser zweiter Musikschaffender (Saxophon) trifft ein und beginnt sein Equipment mit dem des ersten abzustimmen. Währenddessen beginnt ringsherum die Lauferei zum Büfett. Meine Aufregung steigt. Ich kann nichts essen. Dann ziehe ich mich mit dem Saxophonisten in den Wellnessbereich zurück – um die Instrumente zusammenzubauen und abzustimmen. Ich bin dabei aber zu aufgeregt, um das Blatt ordentlich zu wässern und das Instrument gründlich aufzuwärmen. Anschließend gehe ich völlig neutral und unbeteiligt an meinen Platz zurück, während der Saxophonist anschließend ganz beiläufig auch mein Saxophon und meine Noten bereitstellt.

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Ich sitze am Tisch und schwitze Blut und Wasser. Das schwarze Bolerojäckchen habe ich schon ausgezogen, es würde beim Spielen ohnehin stören. Der Saxophonist bittet mich nach vorn und während ich mir unter den ungläubigen Blicken der Gäste mein Saxophon umhänge, erklärt er ihnen, dass er mich erst seit einem halben Jahr unterrichtet, damit ich meinem Mann hier und heute als Überraschung ein Geburtstagsständchen bringen kann. Mein Mund ist komplett trocken. Auch ich halte eine kurze Ansprache und dann ist es soweit, dann muss ich.

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Und jetzt rächt sich die stümperhafte Vorbereitung. Das Blatt ist zu trocken. Das Instrument kalt. Mein Saxophon quietscht und pfeift wie in den ersten Übungswochen. Aber es gibt kein Zurück. Außerdem bin ich (natürlich) so aufgeregt, dass ich mich verspiele. Ich finde mich furchtbar. (Ganz tief in mir drinnen hockt eine bitterlich weinende Frau Spätlese, die weiß, dass sie das eigentlich viel besser kann, als das, was da jetzt zu hören ist.) Aber das Quieken lässt langsam nach, die Fehler werden weniger und als ich nach dem dritten Titel fertig bin, applaudiert der ganze Saal begeistert weil es endlich vorbei ist weil ich so mutig war. Wir haben eben eine klasse Familie und prima Freunde. Anschließend werde ich von allen geherzt und gedrückt und mir wird reihum versichert: Ich habe heute das emotional schönste Geschenk überreicht. Und, für den Fall, dass ich es noch nicht erwähnt habe: Ich bin die Schönste!

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Da ich jetzt endgültig die Nase voll habe, nehme ich die nächste Kopfschmerztablette mit einem Sauvignon Blanc ein. Und kippe einen zweiten gleich hinterher . . .

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Der restliche Abend verschwimmt in guter Laune. Wohin ich blicke, sehe ich sich angeregt und amüsiert unterhaltende Menschen. Unsere beiden Musikschaffenden geben ihr Bestes. Es wird getanzt. Und ich werde geherzt und gedrückt. Alles ist schön. Und: Ich bin die Schönste! Die Zeit plätschert dahin und langsam verabschieden sich die ersten Gäste. Der Rest tanzt und lacht und redet bis morgens 04:30 Uhr. Dann dürfen auch wir endlich ins Bett.

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Ein schöner Tag!

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