*** Mein Freund der Baum ***

Es war einmal vor vielen Jahren. Wir hatten unser Haus gerade gebaut. Alles war frisch und neu. Die Außenanlage noch nicht als solche zu erkennen. Da brachte der Hausherr auf dem Rückweg von der Arbeit zwei Weidenstecklinge mit. Er war auf der Strecke an einem Gehöft vorbeigefahren, wo gerade die Weiden abgenommen worden waren. Er fragte nach zwei Stecklingen. Er bekam zwei Stecklinge.

Diese pflanzten wir rechts und links neben die Hofeinfahrt und warteten darauf, dass diese anwachsen würden und wir eine romantisch verhangene Hofeinfahrt bekämen. Wir hatten so eine romantisch von Trauerweiden verhangene Hofeinfahrt mal im Urlaub kennengelernt und fanden die toll.

Die Stecklinge wuchsen an.

Jahr für Jahr gewannen sie an Größe und es dauerte nur wenige Jahre und die Trauerweiden ließen ihre Zweige absolut romatisch über unserer Hofeinfahrt herabhängen. Welch ein Versteck für unser Häuschen.

Und wenn der Hausherr sich im Herbst über die Tonnen herabfallenden Blätter beschwerte – trösteten wir uns damit, dass dieses Elend ja begrenzt sei. Und die herabhängenden Zweige seien ein so toller Sichtschutz.

Im Frühjahr waren die Weiden die ersten Bäume, an denen frisches Grün zu sehen war. Wir freuten uns, und sagten, schau, der Winter ist jetzt wirklich vorbei.

Und wenn der Hausherr sich im Frühjahr über all die auf die Hofeinfahrt herabfallenden Zweiglein ärgerte, welche im Winter erfroren waren und vom Baum nicht weiter benötigt wurden – trösteten wir uns damit, dass dieses Elend ja begrenzt sei. Und die herabhängenden Zweige seien ein so toller, romantischer Sichtschutz.

Wir waren stolz auf unsere Weiden.

Jetzt stellten wir fest, dass sich aber deren Wurzeln ihren Weg in die Regenentwässerung des Hauses gesucht hatten. Mit der Folge, dass sie diese verstopften und das Haus folglich unter stauender Nässe stand – weil eben das Regenwasser nicht abfließen konnte.

Schweren Herzen bestellten wir den Forstdienst.

Und waren heute den ganzen Tag mit dem Häckseln von Zweiglein, Zuschneiden von Ästen und Zersägen von Baumstammteilen beschäftigt.

Jetzt sind wir immer noch nicht fertig. Auf dem Hof türmen sich noch zu schreddernde Zweiglein, zu zersägende Äste und zu spaltende Stammstücken. Aber wir sind rechtschaffen müde.

Und ein wenig traurig.

Wenn wir nachher ins Bett gehen, werden wir auf die fehlenden Schatten an der Wand schauen.

Daran müssen wir uns jetzt gewöhnen.

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4 Antworten zu “*** Mein Freund der Baum ***

  1. Och neee, wie schade, dass Romantik manchmal auch traurig endet 😦
    Liebe tröstende Grüße von der Silberdistel

  2. Hast Du wenigstens Erinnerungsfotos gemacht???

    • Frau Spätlese

      Selbstverständlich! Ganz viele noch vorher und dann während des Abnehmens auch. Für unser Fotojahrbuch.