*** Die Geschichte vom fast vergifteten Huhn ***

Es ist ein wunderschöner Sommertag. Schon seit dem Sonnenaufgang ist es angenehm warm, ein sanfter Wind nimmt die Hitze von der Haut.

Die Enten sitzen faul und satt im Schatten und sind mit sich und der Welt zufrieden.

Die Hühner haben ihr Frühstück inhaliert und halten ihr erstes Verdauungsnickerchen im Schatten der Thujahecke.

Alles ist schön.

Frau Spätlese macht sich auf den Weg in den Hühnerstall. Ein Luxus, den sie sich leistet, ist die tägliche Reinigung des Hühnerstalls. Unsere Hühner dürfen jeden Abend über einem sauberen Kackbrett einschlafen.

Luxus pur.

Beim Betreten des Stalles gibt es kurzes Gegacker aus dem Legenest. Alles klar. Greenie legt ihr Ei. Kein Problem, wir kennen die Situation und arrangieren uns für die Zeit der Reinigung.

Dann aber muss Frau Spätlese erstaunt die Augenbrauen hochziehen.

Auf der Nachtstange sitzt noch unser braunes Gluckchen. ‚Na Dicke, was machst Du denn noch hier oben? Draußen ist schönes Wetter und hast Du überhaupt schon Frühstück gegessen?’

Gluckchen atmet tief durch und sagt nichts. Unter ihr ist ein kleiner Durchfallhaufen.

‚Gluckchen, was ist mit Dir? Komm rutsch doch mal beiseite.’ Frau Spätlese greift liebevoll um das Huhn und setzt es auf den Boden.

Gluckchen atmet tief durch und sagt nichts. Bewegt sich aber auch nicht.

Hmm?

Frau Spätlese beeilt sich mit der Reinigung und setzt anschließend das Huhn wieder auf die Stange.

Gluckchen atmet tief durch und sagt nichts.

Sorgenvoll läuft Frau Spätlese zum Hausherren. ‚Ich glaube, wir verlieren ein Huhn.’ Traurig berichtet sie ihm von der Lethargie der tollen braunen Glucke. Da aber kein konkreter Ansatzpunkt vorhanden ist, beschließen wir, erst einmal ein Stündchen zu warten.

Nach einer Stunde ist das Gluckchen nach unten gewechselt und kauert jetzt lethargisch unter dem Kackbrett. Jetzt eindeutig mit Durchfall. Frau Spätlese schnappt sich das Huhn und schleppt es zum Hausherren. Das Huhn glüht. Selbst Kamm und Füße sind heiß. Bei einem Huhn! Traurig streichelt Frau Spätlese über das Gefieder.

Googeln bringt auch kein nennenswertes Ergebnis. Hühnergrippe scheint es nicht zu sein – sonst müsste die Zunge blau sein. (Habt Ihr schon mal bei einem Huhn nach einer blauen Zunge gesucht?)  Auf alle Fälle beschließen wir, unser Gluckchen zu separieren. Da sie sonst mit höchster Begeisterung scharrt (und damit den Hausherren in den Wahnsinn treibt) setzten wir sie mitten  in den Garten, inmitten völlig ungescharrten Geländes – in der Hoffnung, sie damit zu motivieren.

Nichts. Gluckchen sitzt lethargisch, atmet tief durch, sagt nichts und hinterlässt einen kleinen grünen Fleck flüssiger Verdauung.

Traurig schauen Frau Spätlese und der Hausherr sich an. Herr Hausherr beginnt, nach der Axt zu suchen aber Frau Spätlese sagt, ein krankes Huhn isst sie nicht.

*

Als nach einer knappen Stunde immer noch nichts passiert ist erwacht in Frau Spätlese der Kampfgeist. Wir können doch unsere tolle braune Glucke nicht einfach so krepieren lassen. Was tut man bei Menschen, wenn sie Fieber und Durchfall haben? – Trinken lassen!

Trinken, trinken, trinken!

Frau Spätlese greift sich eine 20ml-Spritze und flößt der Glucke mühselig das Wasser in den Schnabel ein.

Gluckchen atmet tief durch und sagt nichts.

Nach einer halben Stunde wiederholt Frau Spätlese die Prozedur – und: Gluckchen nimmt das Wasser an. Immer noch nur ein Tropfen auf den heißen Stein das heiße Huhn – aber sie wehrt sich nicht mehr gegen das Wasser.

Jede weitere Wassergabe wird bereitwilliger angenommen und am Abend ist das Huhn schon nicht mehr ganz so heiß.

Frau Spätlese und der Hausherr schöpfen Hoffnung. Trotzdem wird Gluckchen abends aus dem Garten geholt und muss die Nacht im Käfig im Keller verbringen. Ihre Küken müssen sich derweil allein über Nacht im Nest zusammenkuscheln.

Frau Spätlese schläft unruhig in dieser Nacht.

Morgens lebt das Huhn gottlob immer noch. Also wieder ab in den Garten. Wasser in die Spritze und rein in das Huhn damit.

So hangeln wir uns von Stunde zu Stunde und im Laufe des Tages beginnt unser Gluckchen die Wassertröpfchen von der Spritze zu lecken. Frau Spätlese steigen vor Freude Tränen in die Augen.

Als sie am Nachmittag nach dem Huhn schaut, ist es verschwunden. Gefunden wird es schlussendlich vor dem Tor zum Hühnergelände. Gluckchen ist schlapp und matt – aber sie will zu ihren Artgenossen. Das darf sie. Natürlich darf sie das.

Am nächsten Morgen lebt Gluckchen immer noch und sie trinkt! Nein, sie nippt nicht nur kurz am Wasser wie die anderen Hühner. Nein, sie steht am Wassertrog und trinkt und trinkt und trinkt. Eigentlich müsste man sagen, sie säuft. Frau Spätlese hat noch nie ein Huhn derartig ausgiebig saufen sehen.

Am nächsten Tag frisst sie Frau Spätlese schon ein paar Körner aus der Hand und nach einer Woche (eine ganze Woche!) steht sie wieder mit dem anderen am Futtertrog.

Als das große Elend überstanden ist, waschen der Hausherr und Frau Spätlese dem Huhn den vollgekackten Hühnerhintern. Jetzt sieht sie auch wieder gut aus.

Und die Moral von der Geschicht?

Wir haben wenige Tage nach dieser Geschichte im Hühnersalat ein Schneckenkorn gefunden.  Hat unser Gluckchen sich an einem Schneckenkorn vergiftet? Wir befürchten es.

Jetzt jedenfalls ist alles wieder gut. Gluckchen läuft mit allen Hühnern als wäre nichts gewesen. Ach nein, es gibt nur einen Unterschied. Seit unser Gluckchen wieder auf dem Damm ist, legt sie nur Windeier. Fast jeden Tag ein Windei.

Hat das Gift ihre Kalkverwertung gestört? Wird sich das wieder geben?

Wir werden es sehen.

Hier jedenfalls seht ihr unser Gluckchen mit ihrer ersten Tochter. Das Foto habe ich heute früh gemacht.

Und wisst Ihr, wer wer ist?

😉

 

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9 Antworten zu “*** Die Geschichte vom fast vergifteten Huhn ***

  1. Uff- das ist ja noch mal gut gegangen! Nach langem und intensiven in-die-hühneraugen-blicken bin ich zu dem schluss gekommen: links (mit gelbem ring) ist mama gluckchen. obwohl kleiner, wirkt sie älter (lebenserfahrener *hust*)
    vielen dank für die liebevolle sorge, ich hab leider keinen platz für hühner, aber ich mag sie auch total gerne und hoffe sehr dass bei onkel und tante demnächst wieder welche einziehen 🙂
    Doro

    • Hallo Doro, auch wenn Du keine Hühner hast – aber Du hast den Dreh raus. Links mit gelbem Ring ist die Mama und rechts mitr rosanem Ring die Tochter. 🙂

  2. Zwillinge!!
    Oh man, das Huhn hatte bestimmt eine Vergiftung, aber es war stark und hat überlebt, dank deiner Hilfe.
    Ich finde das toll ♥

    • Danke Dir Mathilda, ich habe jetzt übrigens beschlossen, dass ich ab jetzt immer kämpfen werde, wenn ein Huhn schwächelt. Von wegen, ein Huhn kostet nur 8 Euronen . . . die gehören bei uns zur Familie!

  3. Ach, wie schoen zu lesen, dass sie wieder munter ist. Huebsch sind die Beiden!

    • Ja, das freut mich auch wirklich jeden Tag wieder. (Und auf meine beiden braunen Schönheiten zwischen den weißen bin ich besonders stolz ;-).)

  4. Oh man, das war aber knapp! Da habt Ihr echt glück gehabt, oder besser gesagt Gluckchen! 😀
    Das Huhn war wirklich krank. Meistens ist ein wirklich krankes Huhn nicht zu retten. Ich glaube aber nicht, dass es das Schneckenkorn war. Das hätte sie nicht überlebt. Das Zeug solltest Du lieber nicht verwenden wenn Hühner in der Nähe sind. Ist auch tödlich für Hunde und Katzen!

    LG Susanne

    • Ja, Susanne, das mit dem Glück denke ich auch. Aber das wirklich tragische ist, dass das geschenkter Salat war. Wir haben erstens Hühner und Garten getrennt (damit das Pack nicht die liebevoll gepflegten Beete des Hausherren zerstört) und außerdem nehmen wir auch eigentlich kein Schneckenkorn. Wir haben erstens hungrige Enten 😉 und außerdem sammelt der Hausherr lieber ab, als dass er Gift in den Garten schmeißt.
      Tja, und wir wären ja auch nie auf die Idee gekommen, dass in geschenktem Salat Schneckeknkorn drin ist. Ich hab‘ das nur aus Zufall gefunden. Jetzt wissen wir, dass wir bei solchen ‚Geschenken‘ vorsichtiger sein müssen. Aber eine andere Idee als Schneckenkorn haben wir nicht, was es gewesen sein könnte? Glücklicherweise hat Gluckchen das überlebt.

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