*** Frau Spätlese on Tour ***

Gestern bekam mein kleines Bleifüßlein mal wieder die Gelegenheit zum Auslauf. Ich sage Euch was: die deutschen Autobahnen sind ein Schauspiel, welches man sich ab und zu einmal gönnen sollte. Sie sind amüsant (Oha – sooo schnell kann so ein kleines Auto fahren?). Sie sind spannend (so vollbepackt und so dreckige Scheiben – kriegt der überhaupt noch mit, dass es auch andere Verkehrsteilnehmer gibt als ihn?). Und deutsche Autobahnen sind lehrreich.

Deutsche Autobahnen lehren einen zum Beispiel Respekt vor kleinen weißen Lieferwagen. Achtung: sehr schnell und sehr risikofreudig. Was nicht immer belohnt wird, wie man an den vielen Beulen sieht. Weiße Lieferwagen sind in den meisten Fällen so schnell, dass sie plötzlich links neben einem auftauchen und man denkt nur: Oups – wo kommt der denn her?

Gestern gelernt und auch ganz wichtig: Orangefarbene Lieferwagen sind noch schlimmer als weiße!

Dann die unterschiedlichen Fahrertypen. Da gibt es den Konstantfahrer. Der setzt sein Tempomat auf 130 und fährt. Und fährt das auch auf der ganz linken Spur. Und schimpft auf die Idioten, die ihn von rechts überholen. Sehr zur Freude der hyperschnellen Mercedes- und BMW-Fahrer, von denen man sowieso immer nur die Rücklichter sieht. Dann gibt es den unentschlossenen Fahrer. Den unentschlossenen Fahrer erkennen Sie daran, dass er urplötzlich vor Ihnen auftaucht, weil er mit sachten 110 vor sich hindümpelt. Wenn er nun merkt, dass Sie zum Überholen ansetzen (Hallo – das ist eine Autobahn!) dann gibt er Gas. Im Endeffekt kachelt er mit 180 hinter Ihnen her, um zu beweisen, dass es gar nicht nötig war, ihn zu überholen.

Aber und jetzt kommen wir zum Eigentlichen, nämlich zum fahrenden Lehrer. Der fahrende Lehrer sitzt häufig in einem Mittelklassewagen. Hier ist kein besonderer Typ bevorzugt und Sie erkennen ihn ganz leicht. Egal wann und wo Sie fahren. Es gibt auf djeder Autobahnfahrt immer mindestens einen Lehrer! Ich weiß nicht, was der Lehrer tatsächlich von Beruf ist, auf der Autobahn jedenfalls ist er: Lehrer!

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie fahren auf einer dreispurigen Autobahn, es ist nicht wirklich viel Verkehr. Die üblichen LKW reihen sich in mehr oder weniger großen Abständen auf der rechten Spur und Sie haben eine optimale Geschwindigkeit gewählt, welche es Ihnen erlaubt, auf der Mittelspur zügig einen LKW nach dem anderen zu überholen. Gelegentlich tauchen andere Pkw auf, welche entweder von Ihnen überholt werden oder aber welche Sie überholen. Alles schick soweit. Aber dann.

Zuerst sehen Sie irgendwo ganz hinten im Rückspiegel einen Pkw. O.K. Sie richten sich darauf ein, irgendwann demnächst überholt zu werden. Kein Problem damit. Es ist ja auch alles frei.

Beim nächsten Blick in den Rückspiegel ist das Auto weg. Hä? Da war doch gar keine Abfahrt. Ist er so schnell, dass er schon neben Ihnen ist? Kurzer Check – natürlich nicht.

Hmm?

Ein erneuter Blick in den Rückspiegel zeigt Ihnen den Pkw, wie er schwups in der rechten Spur verschwindet. Zwischen zwei Lkw. Langsam formt sich ein ‚Aha’ in Ihrem Hirn und sie schauen von nun an häufiger in den Rückspiegel. Ich sagte ja – Schauspiel.

Und so sehen Sie den Pkw in schöner Regelmäßigkeit aus der rechten Spur kommen, einen Lkw überholen und wieder brav nach rechts einbiegen.

Bis er dann bei Ihnen ist. Denn der Lehrer hat 1. Wie wir alle in der Fahrschule gelernt, dass nach dem Überholvorgang wieder rechts zu fahren ist. Dieses wendet er nun 2. auch immer konsequent an. Außerdem möchte er 3. dass alle anderen es genauso tun. Weswegen er Ihnen 4. dass alles noch einmal ganz genau demonstriert. Und notfalls 5. unter Verzicht auf sämtliche Sicherheitsvorschriften.

Jetzt ist der Lehrer also bei Ihnen. Sie zockeln mit 140 brav auf der Mittelspur und sind der Meinung, dass es keinen Sinn macht, jetzt nach rechts zwischen die 2 Lkw zu fahren. Sie müssten ja ohnehin gleich wieder raus.

Nicht so der Lehrer. Nachdem dieser brav den letzten Lkw überholt ordnet er sich demonstrativ rechts ein, um schon mal zu zeigen, dass er weiß, wie es zu gehen hat. Dann gibt er soweit Gas, das er plötzlich rechts auf gleicher Höhe mit Ihnen fährt. Heißt: ‚Siehst Du, ich bin schneller als Du!‘

Dann lässt er sich kurz zurückfallen und schert sofort wieder aus. Fährt Ihnen bis zum Direktkontakt an die Rücklichter, blinkt, schert im perfekten rechten Winkel auf die ganz linke Spur um sofort in dem Moment, in welchem seine Rücklichter auf Höhe mit Ihren Scheinwerfern sind, sofort im erneuten perfekten rechten Winkel vor Ihnen wieder einzuscheren. Auf den Sicherheitsabstand darf hier zu Demonstrationszwecken gerne verzichtet werden. Aber nicht nur das, er setzt erneut den Blinker, um auch gleich die ganz rechte Spur zu erobern. Genau zwischen zwei Lkws. Und sie können die Sprechblase über seinem Auto geradezu sehen, in welcher er Ihnen mitteilt: ‚Siehst Du, SO wird das gemacht.

Habe ich erwähnt, dass er natürlich sofort wieder auf die Mittelspur muss, um dem Lkw nicht auf die Hacken zu fahren? Aber er war rechts! Er hat es gemacht wie gelernt. Nach dem Überholen sofort wieder zurück in die rechte Spur. Toll!

Dann haben Sie noch ein bisschen Schauspiel, bis der Lehrer, jeweils nach links und rechts hüpfend hinter der nächsten Biegung verschwunden ist.

Und wie fahren Sie so?

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7 Antworten zu “*** Frau Spätlese on Tour ***

  1. Das sind ja überaus interessante Autobahnstudien, die Du da getrieben hast. Jaja, diese Lehrer 😉 Und hast Du Dir diese Lehrunterweisung nun wenigstens verinnerlicht? Wenn nicht, war des Lehrers Mühe doch für die Katz. (Die sitzt hier gerade und schaut interessiert 😉 )

  2. Moin moin!
    Ab wann gilt man denn als „Lehrer“, würde mich in diesem Zusammenhang interessieren!

    Weil ich nämlich durchaus kein Verständnis für diejenigen habe, die in der mittleren Spur rumgondeln, obwohl rechts auf viele Kilometer nichts ist, nur weil sie sich zu Beginn ihrer Autobahnfahrt mal dort eingeordnet haben und glauben, rechts dürften nur LKW fahren.
    Das Rechtsfahrgebot existiert nunmal, aber es funktioniert nur dann, wenn sich alle daran halten.