*** Kleine Schritte ***

Es ist ein hehres Ziel unserer Bundesregierung behinderte Menschen (in diesem Fall rede ich mal nur von Kindern) in den Alltag der ’normalen‘ Menschen zu integrieren, inkludieren.

Mussten wir nämlich vor fast 7 Jahren noch ganz wie wild darum kämpfen, unseren Kronsohn die Regelschule am Ort besuchen zu lassen, soll dieses jetzt mehr und mehr Usus werden.

Wie aber sieht die Umsetzung in der Realität aus? Und zwar genau hier, in unserem wunderschönen Flächenland Mecklenburg-Vorpommern?

Lehrer, die in viel zu großen Klassen kämpfen, müssen nun noch zusätzlich Obacht geben auf weitere ‚Sorgenkinder‘. Die Hilfe dabei hält sich in Grenzen. Denn das, was durch den Wegfall der Behindertenschulen gespart wird, fließt nicht in voller Höhe in die Unterstützung der Lehrer vor Ort. Zuweilen verdichtet sich der Gedanke, dass es bei der Schließung dieser Sonderschulen mehr um den Spargedanke, denn um die Inklusion der besonderen Kinder geht.

Wie das abläuft, sehen wir hier vor Ort.

Lehrer, die an der Tafel stehen und mal beiläufig mit der Hand zur Karte wedeln um die Meerenge von Gibraltar zu zeigen. Für 20 normalsehende Schüler kein Problem. Für unseren Kronsohn einfach mal umsonst – nämlich nicht vermittelter Lehrstoff.

Oder aber Lehrer, die in die Klasse kommen und eine Kurzkontrolle nicht nur diktieren, sondern in der ersten Aufgabenstellung auch noch fordern: Zeichne und beschrifte eine Kirschblüte. Selbstverständlich null Punkte für den Kronsohn.

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Das ist so unser Kampf hier. Täglich. Wiederkehrend.

Aber wir geben nicht auf. Gehen immer wieder zu den Lehrern, reden, erklären, fordern. Zum Glück haben wir unsere Integrationshelferin, die wirklich mit uns und dem Kronsohn kämpft und Unterlagen und Arbeiten richtig toll vorbereitet.

Erfolgserlebnisse sind dann zum Beispiel eine ‚2‘ in der Klassenarbeit Mathematik. Wo er die zweitbeste Arbeit der Klasse schrieb. (Zur Info: Als Nachteilsausgleich wurde hier Aufgabenverkürzung gewährt. Der Kronsohn rechnete also in der gleichen Zeit wie alle Klassenkameraden an weniger Aufgaben.)

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Diese Erfolgserlebnisse wurden denn auch mit einem tollen Zeugnis belohnt. Nur Zweien und Dreien. Und an den Stellen, wo der Durchschnitt auf ?,5 stand, haben sich die Lehrer für die bessere Note entschieden – quasi als Motivation für das 2. Halbjahr.

Damit konnten nur nun ganz entspannt die Winterferien genießen.
Und in diesen konnte der Kronsohn den nächsten Erfolg verbuchen – er ist auf Skiern den Hartkaiser heruntergefahren. Zeitlich sicher außer jeder Konkurrenz und natürlich aufmerksam geführt und begleitet vom Hausherrn und Tante und Cousine. Was zählt, ist: er hat es geschafft. Mit der Überraschung, dass ihm die Skischule einen Pokal außer der Reihe überreicht hat. Für den Mut und für die Leistung.

Sind wir stolz! 25 cm vergoldete Plastik verschönern unseren Esstisch. Und das ist gut so!

Nun sind wir ausgeruht und kampfbereit. Auf in ein zweites Halbjahr – mit allem, was die 6. Klasse noch so zu bieten hat.

Wenn ich mir hier an dieser Stelle eines wünschen darf, dann dass die Motivation und der Kampfgeist uns möglichst lange erhalten bleiben und wir auch in Zeiten, wo Quadratzahlen, Ländergrenzen und die Vermehrung der Nadelbäume gerade mal überhaupt gar nicht gehen – ein kleines bisschen Optimismus uns den Weg weist. Dass die Erinnerung an bezwungene Hürden uns das Kämpfen leichter ertragen lässt.

Auf, mein Sohn, in die 2. Halbzeit. Wir sind stolz auf Dich!

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